Institut für Pathologie

Medizinische Universität Graz

Die Pathologie in Graz

Institut für Pathologie der Medizinischen Universität Graz, Österreich

Die Geschichte der Pathologie in Graz ist mit jener der medizinischen Fakultät an unserer Universität eng verknüpft.

Die 1585 auf Betreiben Erherzog Karls II von Innerösterreich gegründete Universität umfaßte nach jesuitischer Tradition lediglich eine Theologische und eine Philosophische Fakultät. Der ursprüngliche Wunsch Karls II. nach einer Volluniversität unter Einbeziehung der Mediziner und Juristen scheiterte am Widerstand der Jesuiten, die den beiden "weltlichen" Fakultäten mit Mißtrauen gegenüberstanden. Trotzdem verstummte in den nächsten Jahrzehnten der Ruf nach einer Volluniversität nicht. Auch die Aufhebung des Jesuitenordens 1773 und die Verstaatlichung der Hochschule brachten keine Wende zum Besseren. Der Errichtung einer medizinischen Fakultät standen auch maßgebliche Persönlichkeiten entgegen, "... es wäre wirklich Zeit, der immer allgemeiner werdenden Sucht, sich der Heilkunde zu widmen, einen Damm zu setzen" (Johann Peter Frank). 1782 brachte die Universitäts/Lyzealreform Josephs II. die Rückstufung der Grazer Universität in ein Lyzeum, gleichzeitig wurde aber eine medizinisch-chirurgische Lehranstalt für Wundärzte eingerichtet, mit dem Ziel, die handwerksmäßige Ausbildung "niederer Heilpersonen" zu verbessern. Der Wundarzt und Hebammenlehrer Anton Buck und später der Prosektor Franz Xaver Saul unterwiesen ab 1776 Gesellen und Lehrlinge der Bader- und Barbiererzunft in der "Zergliederungskunst", anfänglich in der Totenkammer des St.Georgen Friedhofes in der Murvorstadt. 1810 wurde in der medizinisch-chirurgischen Lehranstalt ein Pathologisches Museum eingerichtet, in dem auch Obduktionen durchgeführt wurden. 1827 wurde von Kaiser Franz I. zwar die Wiedererrichtung der Universität angeordnet, eine Medizinische Fakultät aber abgelehnt, nicht ungern gesehen von den etablierten Vertretern der Chirurgenschule. Erst am 13. Jänner 1863 erfolgte auf Grund kaiserlicher Entschließung die Errichtung und am 14. und 15. November 1863 die Eröffnung der medizinischen Fakultät. Eine große, wahrscheinlich die entscheidende Rolle kam dabei dem Pathologen Carl von Rokitansky (Abb.1) zu, der auch der Pathologischen Anatomie durch die Besetzung des neuen Ordinariates mit seinem Schüler Heschl seinen Stempel aufdrückte.

Abb.1                       Abb2. 

Richard Heschl (Abb.2) wurde in Wellsdorf in der Steiermark geboren. Er studierte und promovierte 1849 in Wien, war 1850 erster Assistent Rokitanskys, 1854 Professor der Anatomie an der medizinisch-chirurgischen Lehranstalt in Olmütz und 1855 Professor der Pathologischen Anatomie in Krakau. 1861 wurde er der Grazer medizinisch-chirurgischen Lehranstalt zugewiesen und 1863 zum Ordinarius ernannt. Heschl stürzte sich mit voller Kraft und Begeisterung in seine Aufgabe, wie der Chronist 1913 in der Festschrift zur Feier des 50-jährigen Bestandes der Fakultät schreibt: "Doch räumliche Einschränkung, beschränkte Ausstattung mit wissenschaftlichen Hilfsmitteln lasteten schwer über dem jungen Werke. Alles war im Werden, das übelberufene Provisorium, wenn es überhaupt Platz griff, von zäher Beharrlichkeit" (auch dies allzu gut Bekanntes!). Und dies betraf ganz besonders die pathologische Anatomie, die mit der deskriptiven (nomalen) Anatomie und der pathologischen Chemie Aufnahme im Gebäude der alten chirurgischen Lehranstalt gefunden hatte. Pathologischer und deskriptiver Anatomie stand nur ein einziges, kümmerlich ausgestattetes und beengtes Sezierlokal zur Verfügung, von dem der Chronist feststellte:" Wer einst daran beteiligt gewesen, denkt wahrlich nur mit gemischten Empfindungen an die Leichenkammer und ihre dem Geruchssinne so aufdringlichen Adnexe zurück". Bereits 1868 konnte aber die Pathologische Anatomie zusammen mit der Pathologischen Chemie ein für damalige Verhältnisse großzügiges Gebäude beziehen. Heschl gründete ein pathologisch-anatomisches Museum und stattete es mit 1000 histologischen und 2000 makroskopischen Präparaten, einschließlich einer großen Schädelsammlung, aus. Er verfaßte mehr als 50 kasuistische Beiträge, ein Kompendium der Allgemeinen und speziellen Pathologischen Anatomie und ein Buch über "Sektionstechnik". Die Heschl´sche Querwindung im Gehirn ist uns aus der Anatomie bekannt. Heschl war ein vielseitiger Mann: Er supplierte anfangs auch die Innere Medizin, war erster Dekan der medizinischen Fakultät, Rektor, gesuchter praktischer Arzt und Mitglied der Gemeinde- und Landesvertretung. Er folgte 1875 seinem Lehrer Rokitansky in Wien nach und verstarb dort 1881. Erwähnenswert scheint noch, daß 1863 auch ein weiterer Schüler Rokitanskys, Julius Planner von Plann, als Anatom nach Graz berufen wurde. Ob eine seiner Publikationen "Die Gase des Verdauungsschlauches und ihre Beziehung zum Blute" noch von Relevanz für die moderne Hämatologie ist, sei dahingestellt.  

Heschls Nachfolger in Graz war Hans Kundrat ein Assistent Rokitanskys, dessen Studien über die "Selbstverdauungsprozesse der Magenschleimhaut (1877), "Arhinencephalie als typische Art von Mißbildung (1882), "Porencephalie (1882)" und später übe Lymphosarkomatose Beachtung gefunden haben. Als echter Schüler Rokitanskys war ihm die Verbindung zwischen Pathologie und Klinik ein besonderes Anliegen, durchaus nicht immer zum Vergnügen der Kliniker, denen er bei den Obduktionen ein strenger, aber gerechter Richter war. Das von ihm (mit)unterzeichnete Gutachten über den Tod des Kronprinzen Rudolf, in dem banale Befunde am knöchernen Schädeldach, an der Schädelbasis, den Gyri und Hirnventrikeln mit einem Zustand von Geistesverwirrung in Zusammenhang gebracht wurden, gibt Zeugnis von seinem diplomatischen Geschick. Seine Arbeit über die Lymphosarkomatose wurde von Richard Paltauf, der auch aus dem Grazer Institut hervorging und später Assistent in Wien wurde, und dessen Schüler Sternberg erfolgreich fortgeführt.

Abb.3                       Abb.4  

Nach Abgang Kundrats nach Wien 1882 wurde Hans Eppinger (Abb.3) aus Prag berufen. Eppinger, ein Schüler von Edwin Klebs in Prag, erweiterte das Institut um eine bakteriologisch-serologische Abteilung und einen Mikroskopiersaal für die Abhaltung mikroskopischer Kurse. Neben bakteriologischen Arbeiten verdanken wir Eppinger umfassende Untersuchungen zu Pathogenese und Klassifikation von Aneurysmen. Ein weiteres wesentliches Verdienst Eppingers war die Planung des Neubaus des heutigen Institutes (Abb.4) im Rahmen der Errichtung der neuen Universitätskliniken. Die Wahl des Bauplatzes für die Kliniken, die gräflich Schönborn´schen Gründe im Vorort St.Leonhard, stieß durchaus nicht auf allgemeine Zustimmung. Eine Reihe von "Bürgerinitiativen", aber auch Änderungsvorschläge seitens der Kliniker bewirkten eine Verzögerung des Projektes. Im Jahre 1912 endlich fertiggestellt, war dieses Krankenhaus aber in seiner Großzügigkeit und modernsten technischen Ausstattung nahezu ein Weltwunder, das allgemein bestaunt wurde. Der Chronist bemerkt dazu 1913 allerdings etwas skeptisch "... ist nicht hie und da das Maß überschritten worden, des Guten und Schönen zu viel geschehen?" Es war Eppinger nicht mehr vergönnt, das neue und für damalige Verhältnisse sehr großzügig gestaltete Haus, das nach einigen Adaptierungen und Zubauten auch heute noch voll funktionsfähig ist und den mordernsten Anforderungen genügt, zu beziehen. Er emeritierte krankheitshalber 1912 unmittelbar vor der Fertigstellung.

Abb.5   

Ihm folgte der in Wien von Kundrat und Weichselbaum ausgebildete Heinrich Albrecht (Abb.5). Albrecht hatte sich in Wien z.T. zusammen mit Anton Ghon auf dem Gebiet der Infektionspathologie (Influenza, Meningitis, Pertussis, Pest, Tuberkulose) und der Geschwulstpathologie profiliert. Er war Mitglied der österreichischen Pestexpedition 1897 nach Bombay, als deren Resultat ein dreibändiges Standardwerk entstand. Albrecht wirkte bis 1920 in Graz, wurde dann als Nachfolger von Alexander Kolisko nach Wien berufen, starb aber bereits zwei Jahre später an Tuberkulose.

Abb.6  

Albrechts Nachfolger in Graz, Alexander Schmincke, litt es nur das Wintersemester 1921/1922 in Graz, er ging dann nach Tübingen. Ihm folgte Hermann Beitzke (Abb.6), ein Schüler Johannes Orths, der das Institut und die Fakultät durch seine überragende Persönlichkeit bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1941 prägte. Er verfaßte ca. 150 Publikationen, mit besonderer Berücksichtigung der Tuberkulose, widmete sich mit Begeisterung der Lehre, war zweimal Dekan und einmal Rektor.

Abb. 7 

1941 wurde Friedrich Feyrter (Abb.7) berufen. Sein Weg führte ihn von Wien über Breslau und Danzig nach Graz (schließlich über Wien nach Göttingen). Seine wissenschafltichen Verdienste aufzuführen, würde den Rahmen dieser Seite sprengen. Seine umfassenden Untersuchungen über das diffuse endokrine System haben die moderne Endokrinologie mit ihren klinischen Subspezialitäten wesentlich bereichert. Die Ungunst der Zeit, vielleicht auch unterstützt durch den markanten Charakter Feyrters, setzte seinem Wirken in Graz 1945 ein Ende.

Abb. 8 

Ihm folgte Theodor Konschegg (Abb.8), ein Schüler Beitzkes, der nicht nur die makropathologische Richtung seines Lehrers fortsetzte, sondern sie auch durch experimentelle Untersuchungen, vor allem zur Problematik der Hypertonie bereicherte.

Abb.9 

Nach dessem plötzlichen Tod im Jahre 1956 wurde Max Ratzenhofer (Abb.9) als Ordinarius berufen. Max Ratzenhofer begann seine wissenschaftliche Tätigkeit nach Studium und Promotion in Wien im Histologisch-Embryologischen Institut der Universität Wien, wechselte 1936 an das Pathologisch-Anatomische Institut und habilitierte sich bei Hermann Chiari in Wien. 1942 folge er Friedrich Feyrter nach Graz und wurde dessen treuester Mitarbeiter, der das Werk seines Lehrers fortführte. Max Ratzenhofer richtete mit Albert Propst bereits 1953 ein elektronenmikroskopisches Laboratorium im Institut ein. Es gelang ihm, das Institut zu modernisieren und dem internationalen Standard anzupassen. Über 20 Jahre hat er unverdrossen für sein Institut gekämpft und damit den Grundstein für den nach seiner Emeritierung endlich erfolgten Ausbau gelegt.

Wo stehen wir heute? Mehr denn je ist die Pathologie Mittler zwischen Grundlagenforschung und Klinik. Die Ansprüche der Klinik und die Fortschritte der Molekularpathologie und Biochemie stellen eine zunehmende Herausforderung unseres Faches in diagnostischer und wissenschaftlicher Hinsicht dar, die es anzunehmen gilt. Zwangsläufig konnten die Entwicklungen der letzten Jahre nicht spurlos am ehrwürdigen Haus vorübergehen. Zubauten trugen den gesteigerten Anforderungen in Lehre, Forschung und Diagnostik Rechnung. Eine moderne apparative Ausstattung und, als Wichtigstes, ein Team enthusiastischer Mitarbeiter sind Voraussetzung des Erfolges, dessen Weg uns schon vor über 100 Jahren der Gründer des Institutes, Carl von Rokitansky, vorgezeichnet hat, wenn er in seiner Abschiedsrede sagt: "Ich habe einem dringenden Bedürfnisse meiner Zeit gemäß die pathologische Anatomie vor allem im Geiste einer die klinische Medizin befruchtenden Forschung betrieben und ihr auf deutschem Boden jene Bedeutung errungen, daß ich dieselbe meinen Zuhörern als das eigentliche Fundament einer pathologischen Physiologie und als die elementare Doktrin für Naturforschung auf dem Gebiete der Medizin bezeichnen konnte. Wie sie das klinische Wesen fester begründet, erweitert und ergänzt hat, so hat sie, nachdem sie sich zu einer pathologischen Histologie vertieft, eine pathologische Chemie angebahnt, eine Experimental-Pathologie ins Leben gerufen. Sie hat in dem innigen Verkehr mit allen medizinischen Doktrinen nicht nur Licht am Krankenbette gemacht und vielfach Heil gebracht, sondern auch die Wissenschaft von Leben überhaupt und damit das Reich der Naturwissenschaft erweitert".  Das Pathologie Team 2006 Literatur 1. Egglmaier, H.H.: Die Gründung der Grazer Medizinischen Fakultät im Jahre 1863. Publ. aus dem Archiv der Univ.Graz, Band 19, 1986. 2. Fossel, V.: Geschichte der Medizinischen Fakultät in Graz. Von 1863 bis 1913. Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestandes Graz, 1913. 3. Ratzenhofer, M.: Die Geschichte der Pathologie an der Universität Graz. Verh. Dtsch. Ges.Path. 56, XXIII-XXXIII, 1972. 4. Reichel, H.: Die Bedeutung der Grazer Universität für die Gesundheitsverhältnisse des Landes Steiermark. Festschrift zur Feier des dreihundertfünfzig-jährigen Bestandes der Karl-Franzens-Universität zu Graz. Graz, 1936. 5. Rokitansky, C.v.: Abschiedsrede. Wien, 1875.Druckversion | Impressum

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